Geschichte des Fachbereichs Rechtswissenschaft

Geschichte des Fachbereichs Rechtswissenschaft

Als die Universität Erlangen am 4. November 1743 durch den brandenburgisch-bayreuthischen Markgraf Friedrich gegründet wurde, hielt der Jurist Andreas Elias Roßmann in seiner Eigenschaft als Prorektor und erster Dekan der juristischen Fakultät die Dankes- und damit die Gründungsrede. Am selben Tage promovierte die Fakultät mit dem bereits zum Ersten Professor berufenen Johann Wilhelm Gadendam ihren ersten doctor iuris. Somit zählt die juristische Fakultät (heute „Fachbereich Rechtswissenschaft“) zu den Gründungsfakultäten der Universität.

Die Aufklärung schrieb die kritische Vernunft als Maßstab des Denkens, Diskutierens und Handelns für die gesamte Neuzeit fest und markiert damit in der Philosophie- und Geistesgeschichte den wichtigsten Umbruch des letzten halben Jahrhunderts. Mit der Universität in Erlangen entstand die erste Aufklärungsuniversität im süddeutschen Raum. Das damalige Selbstverständnis der Lehre lässt sich durch den Satz “cogito ergo sum“ beschreiben. Wie andere Universitäten im 18. Jahrhundert diente die Erlanger Universität in erster Linie den Erfordernissen des Staates, indem sie die Ausbildung von Verwaltungsfachkräften sicherstellte und die fürstliche Reputation erhöhte.

In der Anfangszeit der Universität waren maximal 250 Studenten eingeschrieben, davon etwa 50 Studenten der Rechtswissenschaft, die von fünf Professoren unterwiesen wurden. Bereits um 1900 hatte sich die Studentenzahl der Universität auf 1.000 Studenten erhöht. Sechs Professoren der Rechtswissenschaft unterrichteten etwa 250 Studenten. Heute studieren über 26.000 Studenten an der Friedrich-Alexander-Universität, davon etwa 1.600 Studenten am Fachbereich Rechtswissenschaft. Auch die Zahl der Professoren ist angestiegen, heute sind 19 Professoren am Fachbereich Rechtswissenschaft tätig; davon sind drei Professoren in Nürnberg ansässig und betreuen die juristische Ausbildung der Studierenden am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft.

Das Universitätsgebäude an der Hauptstraße beinhaltete nur einige wenige Hörsale, so dass der Lehrbetrieb zur Gründungszeit der Universität noch zum Großteil in den Privaträumen der Professoren stattfand. Dies änderte sich grundlegend, als 1889 das Kollegienhaus neu eingeweiht wurde, in dem das juristische Seminar untergebracht wurde. 1954 bekam die Fakultät ein eigenes Gebäude: das juristische Seminargebäude (Juridicum) in der Kochstraße. 1993 wurde der Erweiterungsbau (Baubeginn 1990) an der Schillerstraße zur Nutzung frei gegeben und gleichzeitig mit dem Umbau des bisherigen Seminargebäudes (seither „Altbau“ genannt) begonnen. Den Abschluss fand die Baumaßnahme mit der Einweihungsfeier am 20. Februar 1995.

Die eingangs genannten Professoren Roßmann und Gadendam verkörpern schon in der Gründungsphase der Universität zwei verschiedene Typen von Hochschullehrern. Während Andreas Elias Roßmann von 1743 bis zu seinem Tode 1767 über zwanzig Jahre in Erlangen lehrte, nahm Johann Wilhelm Gadendam bereits 1745 einen Ruf an die Universität Kiel an. Auch später wurden nicht selten junge Professoren nach Erlangen berufen, die nach kurzem „Probelauf“ in der damals noch kleinen Universität an anderen Plätzen hohen Ruhm erwarben. So lehrte etwa der – nach Friedrich Carl von Savigny – „zweite Vater“ der sog. „Historischen Rechtsschule“, Georg Friedrich Puchta, nach seiner Habilitation in Erlangen hier von 1821 bist 1828, um dann nach Berlin zu gehen. In diese Reihe gehören etwa der führende Staatsrechtler seiner Zeit Johann Ludwig Klüber (1762-1837, in Erlangen 1785-1804), der Verfasser der Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft Roderich von Stintzing (1825-1883, in Erlangen 1857-1870) oder aus neuerer Zeit Otto Bachof (1914-2006, in Erlangen 1952-1955).

Von den Professoren, die ihr akademisches Leben ganz in Erlangen verbrachten, ist der historisch bedeutendste Christian Friedrich Glück (1755-1831, in Erlangen von 1784 bis zu seinem Tod), dessen groß angelegter Pandektenkommentar in über 50 Bänden zwar zu seiner Zeit als methodisch veraltet galt, heute aber die ihm gebührende Anerkennung als das gesamte Material seiner Epoche erschöpfendes Kompendium findet. Nach ihm ist die von Westen her zum Juridicum führende Glückstraße benannt.

An der juristischen Fakultät gliederte man sich den wissenschaftlichen Strömungen der Zeit an. Eine spezifische, über Jahrzehnte sich erstreckende „Erlanger Schule“ hat sich aber – sicher auch durch die Fluktuation der Lehrenden bedingt – an der juristischen Fakultät nicht entwickelt. Lediglich das evangelische Kirchenrecht erfuhr – beginnend mit Adolf Freiherrn von Scheurl – eine besonders intensive Pflege. Dies erklärt sich aus der konfessionellen Situation Bayerns und dem hohen Rang der Erlanger theologischen Fakultät. Im Rahmen dieser Entwicklung gründete Hans Liermann 1929 das juristische Spezialinstitut für Kirchenrecht, das 1983 nach ihm benannt wurde.

Theorie und Praxis waren in Erlangen von jeher eng verbunden. Schon der Vater von Georg Friedrich Puchta, der Erlanger Landrichter Wolfgang Heinrich Puchta, wollte etwa um 1815 Praktikerarbeitsgemeinschaften einführen, doch stieß der Vorschlag auf wenig Interesse. 1824 gründete dann Christian Ernst v. Wendt ein „Juristisch-praktisches Institut“. Das praktische Wirken der Erlanger Rechtslehrer trat bei der Funktion der Fakultät als Spruchgericht sowie bei der Gutachtertätigkeit der Professoren besonders in Erscheinung. Bis weit in das 19. Jahrhundert spielte die Aktenversendung an die Fakultät eine bedeutsame Rolle. Hierbei griffen die Professoren oft mutig aktuelle und heikle Rechtsfragen auf. Bis heute beschränkt sich der Fachbereich Rechtswissenschaft nicht lediglich auf die juristische Theorie. Mit dem im Jahre 2003 gegründeten Institut für Anwaltsrecht und Anwaltspraxis sollen das Anwaltsrecht und die berufspraktischen Anforderungen der Anwaltschaft in die juristische Ausbildung, Forschung und Weiterbildung einbezogen werden.

Zum 1. Oktober 2007 wurde die Organisation der Erlanger Universität grundlegend reformiert: Die Anzahl der Fakultäten wurde von elf auf fünf verringert. Die „Juristische Fakultät“ ist dadurch in der „Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät“ aufgegangen. Gleichzeitig fand eine Untergliederung der Fakultäten in „Departments“ statt. Bei der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät tragen die Departments den Namen „Fachbereich“; sie besteht nun aus den Fachbereichen „Rechtswissenschaft“ und „Wirtschaftswissenschaften“.

Zwar beherbergte der Fachbereich Rechtswissenschaft (bzw. die juristische Fakultät) der Friedrich-Alexander-Universität keinen der ganz berühmten Rechtswissenschaftler dauerhaft, aber dennoch darf diese kleine Fakultät nicht unterschätzt werden, denn „es gibt große Gelehrte, die das grelle Rampenlicht nicht mögen, und es gibt höchst bewegliche Geister, die es nicht ertragen, wenn Start- und Zielpunkt in eins fallen.“ (Leiser, S. 130).

Literaturhinweise: Leiser: Die Juristische Fakultät, in: Erlangen, Geschichte der Stadt, 1982, S. 125 ff. Liermann: Die Erlanger Juristenfakultät 1743-1943, in: Deutschlands Erneuerung, 1943, S. 198 ff. Wittern-Sterzel (Hrsg.): Die Professoren und Dozenten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 1743-1960.
Text: Prof. Dr. Hans-Dieter Spengler, Almut Büttner, Sven Muth